Risiken und Nebenwirkungen einer Psychotherapie - ja, die gibt's auch!
- carolineschroeder2
- 13. Aug. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Aug. 2024
psychotherapiejetzt - Praxis für Psychotherapie Caroline Schröder
Serie: Psychotherapie im Gesundheitswesen

Eigentlich sollte ich für diesen Beitrag eine Zwiebel als Foto wählen. Eine Zwiebel ist eine gute Zutat für viele Gerichte und auch gesund. Aber beim Zubereiten bringt sie uns zum Weinen.
So ähnlich ist das mit der Psychotherapie. Eine Psychotherapie kann sehr nützlich sein und sogar die Gesundheit wieder herstellen. Aber vielleicht bringt sie den Klienten erstmal zum Weinen.
Eine Zwiebel hat viele Schichten. Vielleicht bringt die Psychotherapie etwas zu Tage aus tieferen Schichten der Vergangenheit oder Ihrer Persönlichkeit und Gewohnheiten, wovon Sie nicht erwartet haben, dass es noch wichtig sein könnte. Vielleicht steckt hinter den Symptomen ein noch älteres Thema.
Zwiebeln können Blähungen verursachen. In der Psychotherapie kann es sein, dass Ihnen bestimme Themen - nicht wie bei der Zwiebel im Bauch herum gehen - sondern noch länger durch den Kopf gehen.
Wenn man frische Zwiebeln gegessen hat, riecht der Atem danach. Das kann den liebsten Nächsten stören. In einer Psychotherapie kann es sein, dass Sie Ihr Verhalten gegenüber anderen ändern - dass kann auf Widerstand und Unverständnis stoßen.
Was sind die Risiken und Nebenwirkungen einer Psychotherapie?
Termine: Die erste Hürde ist in Deutschland immer noch, überhaupt einen Termin bei einem Psychotherapeuten oder eine Psychotherapeutin zu bekommen.
Aufwand: Regelmäßige Termine wahrnehmen mit der Fahrtstrecke ist eine weitere Nebenwirkung. Sie haben für alles Andere weniger Zeit.
Themen: Dann werden Sie sich vermutlich in der Therapie mit unangenehmen Themen auseinandersetzen. Die Therapeutin stellt eventuell überraschende Fragen oder ist gar einer anderen Meinung.
Das waren jetzt vermutlich die Dinge, die jeder erwarten würde von einer Psychotherapie.
Veränderungen und Neues: Darüber hinaus kann es sein, dass Ihnen klar wird, dass Veränderungen in Ihrem Leben anstehen. Das kann zunächst mal mühsam oder bedrohlich sein, weil das Neue Sie in unbekannte Bereiche führt. Ich denke da immer an einen Fall aus einer Fernsehsendung zur systemischen Therapie: die junge Frau litt unter regelmäßigen schweren Migräneattacken. Die überraschende Lösung für diese Patientin war, dass die derzeitige Partnerschaft zu belastend war. Nach der Trennung waren die Migräneattacken weg. Zu Beginn der Therapie war das sicher nicht das Ziel und der Auftrag der Patientin, sich von ihrem Partner zu trennen.
In der systemischen Familientherapie folgen wir dem Grundsatz, dass man das Problem nicht erfassen kann, wenn man nur den Patienten betrachtet. https://de.wikipedia.org/wiki/Systemische_Familientherapie
Das Umfeld, die Familie, Freunde und Bekannte und die Anforderungen im Beruf müssen mit erfasst und erfragt werden um das Symptom oder Problem zu begreifen. Ein einfaches Gleichnis dafür ist, dass man ein Fußballspiel nie begreifen. würde, wenn man nur den Schiedsrichter über das Spielfeld laufen sehen würde und alle anderen Spieler ausgeblendet wären. D.h. in der Therapie werden Fragen zu allen Lebensbereichen gestellt.
Widerstände von Außen: Es kann auch sein, dass Veränderungen angestoßen werden, auf die Sie stolz sind. Die aber bei Familie, Freunden und im Beruf erstmal auf Unverständnis oder sogar Unmut stoßen. Die Anderen wollen Sie wieder in die Nische zurück drängen, in der Sie vorher waren. Auch für die Anderen sind Veränderungen mühsam und bedrohlich. Wenn Sie nicht mehr das fleißige Lieschen für alle sein wollen, weil das zu der Angststörung, Depression oder Erschöpfung beigetragen hat, werden die Anderen mehr Arbeiten übernehmen müssen. Das führt erst mal zu mehr Reibung.
Die frühen Systemiker (systemischen Psychotherapeuten) waren sogar der Überzeugung, dass die Besserung oder Genesung des einen Familienmitglieds zu einer Erkrankung eines anderen beitragen kann. Zum Beispiel gelingt es der Ehefrau die Depression abzulegen. Dafür wird in diesem System der Ehemann depressiv. Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass die Veränderung eines Familienmitglieds langfristig auch immer den Anderen wichtige Anstöße und Anreize zum persönlichen Wachstum gibt. Dann müssen die Anderen auch ihre allzu bequemen Nischen überdenken und verlassen.
Manches wird nicht wieder wie vorher: Ich höre oft zu Beginn einer Therapie, dass die Patientin sich wünscht, dass ihr Leben wieder so sein soll wie es vorher war - vor der Angststörung, vor der Depression oder dem Burn-out.
Auch das ist eines der Risiken - mit einer Erfahrung wie einer Angststörung und der Psychotherapie haben Sie sich verändert. Es ist eine Art Unschuld verloren gegangen - Sie werden nie wieder sein wie vorher.
Es soll sein, dass Sie wieder Lebensfreude haben. Aber die Erfahrungen kann man nicht wieder "un-erfahren" machen. Sie werden die Welt anders, aber hoffentlich reicher wahrnehmen.
Privilegien verlieren: Auch können durch die Erkrankungen gesicherte Privilegien verloren gehen, wenn es Ihnen wieder gut geht. Wir nennen diese Privilegien, den "sekundären Krankheitsgewinn". Ein typisches Beispiel wäre, dass eine Patientin oder ein Patient mehr mit dem Ehepartner gemeinsam macht, weil die Angst-störung sonst überhand nimmt. Wenn es ihr oder ihm wieder gut geht, enfällt die Motivation, gemeinsam Einkaufen zu gehen. Man kann das ja wieder alleine. Das kann ein Verlust sein. Dann sollte in der Therapie erarbeitet werden, wie man genußvolle und bereichernde gemeinsame Zeit für beide Partner herstellen kann - ohne dafür eine Störung zu entwickeln.
Einige LeserInnen werden jetzt auf ihre eigene Erfahrung mit Psychotherapie zurückblicken und eventuell schmunzeln und an manchen Punkten denken - ja, das war so.
LeserInnen, die noch vor der Entscheidung stehen oder ganz am Anfang einer Psychotherapie werden vielleicht zögern, ob das der richtige Weg ist?
Alle Befürchtungen und negativen Effekte einer Psychotherapie sollten auch in der Therapie besprochen werden. In der Regel gib es eine Lösung. Im Einzelfall kann es auch sein, dass ein anderer Weg oder ein anderer Therapeut der Bessere wären. Das wäre dann auch eine gute Lösung.
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